Aus: Der Nordschleswiger

Rausgehen, die frische Luft und Stille genießen: Ein Balsam für die Seele

27.11.2014 | 10:02 |

Dennis Uhlemann

Bei vielen Familien steht der Tannenbaum nur ein paar Tage zur Weihnachtszeit in der Stube. So schnell der Baum gekauft ist, ist er auch schon wieder rausgeschmissen. Doch es steckt ein großer Aufwand dahinter. Ole Lorenzen kennt sich bestens damit aus – fast 30 Jahre ist er in diesem Geschäft tätig.

Die Fichte ist der bevorzugte Baum der Dänen – zwischen den Zweigen ist Platz für Christbaumkugeln und Lametta. Weihnachtsbaumproduzent Ole Lorenzen begutachtet die Bäume. Foto: Karin Riggelsen

Behrendorf/Bjerndrup. Seit 1986 betreibt der Mann aus Behrendorf eine Tannenbaumzucht – und zwar nebenbei. Hauptberuflich arbeitet der 52-Jährige bei Fleggaard/Calle. Nach Feierabend kann er sich aber mittlerweile nichts anderes mehr vorstellen, als sich um seine Tannen zu kümmern. Dabei ist er vor 28 Jahren zufällig zu diesem Hobby gekommen. „Damals wurde das Land neu aufgeteilt  und wir bekamen eine Fläche, die vorher zum Nachbarhof gehörte“, erinnerte sich Ole Lorenzen.  „Auf diesem Stück Land waren Nordmanntannen gepflanzt. Ich übernahm die Pflanzen natürlich, hatte aber überhaupt keine Erfahrung.

Aber der gelernte Tischler, der vom Land kommt und auf einem kleinen Bauerhof aufwuchs, fand diese Aufgabe interessant und dachte sich: „Wenn man im Leben eine Chance bekommt, sollte man sie auch nutzen.“ Gerne erinnert sich der naturverbundene Mensch an die Anfänge zurück, auch wenn es das Geschäft zunächst nicht so gut lief: „Ich habe viel Lehrgeld bezahlt. Ich fragte mich, was ich mir da nur für eine Aufgabe zugemutet habe.“

Das vielversprechende Hobby entwickelte sich in den ersten Jahren zum  Verlustgeschäft: Die vorhandenen Pflanzen mussten bewässert und gedüngt, neue Pflanzen gekauft werden. „Es vergingen viele Jahre, bis die Tannen hochkamen. Erst nach zehn Jahren machte ich erstmals Gewinn.“

Der zunächst unerfahrene Baumzüchter bekam in der schwierigen Anfangszeit Unterstützung von Förstern.  Schnell stellte er fest, dass hinter diesem Geschäft eine Menge Aufwand steckt: „Viele denken, es sei ein einfaches und gemütliches Geschäft. Du pflanzt die Bäume und fällst sie irgendwann. Aber so ist das überhaupt nicht.“ Die Probleme reichen von Nachtfrost bis zum Lausbefall und Trockenheit.  Auch wenn die Bäume das ganze Jahr lang Arbeit machen, sagt Ole Lorenzen: „Dieses Hobby macht mir unglaublich viel Spaß. Ich genieße es, in die Natur zu gehen. Es war nicht immer ein Tanz auf Rosen, aber es wurde immer mehr zu einer Leidenschaft.“

Mittlerweile ist er sehr erfahren und die Abläufe in seiner Zucht sind routiniert: Die bereits drei Jahre alten kleinen Pflanzen bekommt Ole Lorenzen meistens aus dem Kaukasus. Nachdem er sie ohne Maschinen und nur mit  einem Spaten gepflanzt hat, bewässert und düngt er sie „nach Gefühl“. Nach und nach lernte er, wie er die Bäume im nicht optimalen Sandboden in Dänemark züchten muss. Dabei stellte Ole Lorenzen fest: „Einen Tannenbaum heute zu verkaufen ist ganz anders, als einen Tannenbaum vor zehn Jahren zu verkaufen. Die Kriterien haben sich stark verändert.“ Während die Menschen den Baum damals noch so kauften, wie er gewachsen ist, stellen die Käufer heute hohe Ansprüche an das weihnachtliche Schmuckstück. Hohe, aber schmale Bäume sollen es sein.

Ole Lorenzen merkt das spätestens, wenn der Zwischenhändler ihm einen Besuch abstattet und seine  Bäume kategorisiert. Je nach Klasse, bekommt er für den Baum dann einen anderen Preis. Für eine erstklassige Nordmanntanne bekommt der Hobbyzüchter ungefähr 140 Kronen. Für den Kunden kostet die Tanne später drei Mal so viel. „Ich bin Züchter und muss akzeptieren, dass es  so läuft. Es müssen ja viele Hände an diesem Geschäft verdienen“, so der 52-Jährige, der seine Tannen ab einer Höhe von 1,75 Meter verkauft. „Damit die Tannen allerdings so gut wie möglich wachsen und in die beste Kategorie eingestuft werden, muss ich jede Tanne jährlich beschneiden.“

Und das sind auf seiner 7,5 Hektar großen Fläche nicht weniger als 35.000 Bäume in allen verschiedenen Größen – von neu gepflanzten Tannen bis zu neun Meter hohen „Spezialbäumen“ für Marktplätze. Jährlich verkauft Ole Lorenzen zwischen 1.500 und 3.000 Bäume, die meisten davon an einen Zwischenhändler in Deutschland. Auch die Ernte findet in Handarbeit statt. Seine Freunde und Familie, vor allem seine zwei erwachsenen Söhne, helfen ihm beim Fällen, Schleppen und Netzen der Bäume. „Es sind nicht  die ersten 100 Tannen anstrengend, sondern die letzten 100. Wir haben auch immer schlechtes Wetter, aber das gehört dazu“, so der Züchter, der diese Arbeit trotz aller Schwierigkeiten stets genießt: „Ich mag es einfach, wenn ich von der Arbeit komme, ein bis zwei Stunden an die frische Luft zu gehen. Das gehört einfach zu mir. Andere gehen laufen oder ins Fitness-Center, ich gehe raus und genieße die frische Luft und die Stille. Das ist ein Balsam für die Seele.“

Mittlerweile ist Ole Lorenzen sehr fokussiert auf seine Zucht: „Ich bin nicht zufrieden, solange die Tannen nicht perfekt sind.“ An ein Ende seines größten Hobby denkt er momentan noch nicht: „So lange es mir weiterhin so viel Spaß macht und ich es noch physisch ertrage,  werde ich  damit weitermachen. Ich muss nicht davon leben, aber es gibt mir doch ein bisschen mehr Butter auf das Brot“, so der lebensfrohe Baumzüchter, der für sein Hobby lebt.

Der  richtige Baum:

Eine persönliche Entscheidung

Behrendorf/Bjerndrup „Du als Züchter musst doch jedes Jahr den schönsten Weihnachtsbaum haben“ – diesen Satz bekommt Ole Lorenzen sehr oft zu hören. Das ist aber überhaupt nicht so, wie er erzählt: „Ich stelle jedes Jahr Bäume zum Verkauf an Privatkunden auf meinen Hof. Wir nehmen dann den Baum, der übrig bleibt.“ Ziemlich bescheiden für einen Mann, der eigentlich aus 35.000 Bäumen entscheiden kann.

Weiterhin gibt er an, dass viele Kunden auch selbst in seinen Wald gehen und mit den Kindern einen Baum aussuchen und fällen. Wie so oft im Leben ist das absolute Geschmackssache: Einige gehen nur ein paar Meter, bis sie ihren Baum gefunden haben, für andere darf nicht eine Nadel verkehrt sitzen, sie suchen stundenlang nach der perfekten Tanne. Oder doch nach einer Fichte?

Ole Lorenzen hat sowohl Nordmanntannen als auch Fichten in seinem Wald. Für den naturliebenden Mann gibt es da einen deutsch-dänischen „Kulturunterschied“. Für viele Dänen ist die Fichte der richtige Weihnachtsbaum. Die Fichte ist nicht so dicht, Lametta und Weihnachtsbaumkugeln können besser aufgehängt werden.

Der Mythos,  dass Fichten so schnell ihre Nadeln verlieren, ist falsch, zumindest bei richtiger Behandlung. Der Hobbyförster erklärt: „Wenn man die Bäume 14 Tage vorher  abschneidet und noch eine Weile draußen lagert, bekommt der Baum nicht so einen Schock und die Nadeln sitzen viel fester.“ Deutsche Kunden, so ergänzte Ole Lorenzen, wollen eher einen dichten Baum und greifen deshalb zur Nordmanntanne.

Auch der jahrelange Züchter kann also nicht sagen, was der ideale Tannenbaum ist, seine  Privatkunden entscheiden das sehr individuell: „Es ist sehr interessant, die Leute zu beobachten und zu sehen, wie unterschiedlich der Geschmack ist.“


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