Aus: sh:z-Tageszeitungen

Hier wird seit 90 Jahren Benzin gezapft

06.11.2014 | 15:44 |

Tina Jäger

Steruper Familienbetrieb feiert Jubiläum: Otto Henningsens Tankstelle ist ein Relikt aus den Anfängen des automobilen Zeitalters

Otto Henningsen und seine Frau Gisela sind seit 1968 verheiratet. Foto: Jäger

Einst standen die Zapfsäulen in der Flensburger Straße noch auf dem Bürgersteig. Für seinen geschmückten Chevrolet Six gewann Otto Henningsen senior (Mitte) 1929 bei der Korsofahrt anlässlich des Sportfestes des Motor-Sport-Clubs Flensburg den zweiten Platz. Foto: Privat

Sterup. Es ist alles da, was der Autofahrer braucht. Die Regale sind gefüllt mit Schokoriegeln, eine Eistruhe steht da, es gibt Getränke, Autoputzmittel und Motorenöl. Und trotzdem: Welten trennen den kleinen Kassenraum der Tankstelle in der Flensburger Straße in Sterup von modernen Großtankstellen. Das Geschäft von KFZ–Meister Otto Henningsen ist ein Relikt aus den Anfängen des automobilen Verkehrs in Schleswig-Holstein. Seit 90 Jahren sorgen die Henningsens nun schon in der Flensburger Straße für volle Autotanks. „Wir sind der älteste Gewerbebetrieb in Sterup, der noch da und in Familienbesitz ist“, sagt der Inhaber sichtlich stolz. Morgen feiert sein Betrieb Jubiläum.

Als sein Vater Otto Henningsen senior die Tankstelle 1924 als eine der ersten in Schleswig-Holstein eröffnete, gab es Benzin noch beim Apotheker und im Notfall auch beim Gastwirt. Der Kraftfahrzeugverkehr hatte sich gerade soweit durchgesetzt, dass die Anzahl der Fahrzeuge etwa die gleiche Stärke wie der Verkehr der Pferdefuhrwerke erreicht hatte. So machten nicht nur benzinbetriebene Fahrzeuge in Sterup Halt, sondern auch viele Kutschen. Für die erschöpften Pferde hatte Otto Henningsen senior einen Pott Wasser an die Zapfsäulen gestellt. Historische Fotos im Familienalbum zeugen davon.

Die Zapfsäulen standen damals noch auf dem Bürgersteig und wurden mit Hand betrieben, getankt wurde Leicht- (heute: „Normal“) und Schwerbenzin (heute: „Super“) und in der angrenzenden Werkstatt wurden nicht nur Autos repariert, sondern auch Fahrräder, Nähmaschinen, Motorräder und Radios. Zudem vermietete Otto Henningsen senior, der in Kappeln Maschinenbau gelernt hatte, Autos, mit oder ohne Chauffeur. Auch Krankentransporte und das Fahren von Brautpaaren zur Kirche und anschließend zum Gasthaus gehörten zum Geschäft.

„Eigentlich hat mein Vater die Tankstelle ja schon am 1. Mai 1924 eröffnet“, erklärt Otto Henningsen, der heute 74 Jahre alt, selbst Vater von drei erwachsenen Töchtern und Opa zweier Enkelkinder ist. Das Jubiläum werde aber morgen, am 1. November gefeiert, weil sein Vater 1939 eingezogen und nach zehn Jahren in russischer Gefangenschaft erst am 17. Mai 1949 heimkehrte. Bis dahin hatten Heningsens Großeltern und seine Mutter die Tankstelle provisorisch weitergeführt. Der Kriegsheimkehrer modernisierte den Kombinationsbetrieb aus Tankstelle, Autohandel und Werkstatt und feierte am 1. November des gleichen Jahres Neueröffnung. „Deswegen feiern wir das Jubiläum jetzt am 1. November“, so Henningsen.

Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1966 übernahm der gleichnamige Sohn den Betrieb. Er hatte zuvor die Realschule in Sterup besucht, seine Ausbildung zum Automechaniker bei VW in Flensburg absolviert und bereits drei Jahre in der Schweiz im KFZ-Bereich gearbeitet. 1974 ließ er eine neue Werkstatt in Sterup bauen und 20 Jahre später kam eine für damalige Zeiten moderne Ausstellungshalle für das Autohaus hinzu. Seit fünf Jahren konzentriert sich Henningsen aus Altersgründen aber nur noch auf die Tankstelle.

 

Diese hat über die Jahrzehnte nicht nur bauliche Veränderungen und einen Umzug innerhalb der Flensburger Straße erfahren. Mehrmals wechselte sie auch ihre Partner und Öllieferanten, wurde Teil der Ketten Esso, Fanal, BP und Star. „Heute kriegen wir unser Benzin von Wiking. Das ist ein kleiner Privatunternehmer aus Flensburg“, so Henningsen. Auch wirtschaftliche Durststrecken gab es natürlich über die Jahrzehnte. „Während der Ölkrise in den 70er Jahren wurden viele Tankstellen geschlossen und als 1980 der Benzinpreis die magische 1-Mark-Grenze überschritt, da haben die Leute alle gesagt, dass sie ihr Auto abschaffen“, blickt Henningsen auf die schwierigen Zeiten zurück. Wenn sich heute über die Höhe der Benzinpreise aufgeregt wird, dann, gibt er zu Bedenken, werde stets vergessen, dass die Autos mittlerweile auch viel weniger Benzin bräuchten.

Wie lange der 74-Jährige und seine Frau Gisela noch in dem kleinen Kassenraum in der Flensburger Straße in Sterup stehen wollen? „Na, so lange wir können“, sagt die 70-Jährige. Und so lange werden auch die beiden alten Ölgemälde, die die Tankstelle in früheren Jahren zeigen, in diesem Raum hängen und an die damalige Zeit erinnern. Genauso wie die Plaketten von Otto Henningsen senior, die er in den 20er und 30er Jahren bei Zielfahrten und Fuchsjagden gewann und die früher am Kühlergrill seiner Oldtimer hingen.


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