Aus: Der Nordschleswiger

Ehrenamtlich engagierte Bürger bangen um ihre Sammlung

13.11.2014 | 16:11 |

Birthe Juul Mathiasen

Verschenkt! Der süddänische Regionsrat ist in Geberlaune und hat das Psychiatrische Museum in Augustenburg an das Middelfart Museum verschenkt. Die Augustenburger Kustoden kämpfen nun darum, dass die Sammlung in ihrer Stadt bleibt.

Rudi Cargnelli, Birte Pedersen, Jan Jensen, Vera M. Jensen und Marry Sandholdt sind ehemalige Mitarbeiter der Augustenburger Psychiatrie.

Hulda Rossel, so lautet der Name eines Patienten, der dort fast 30 Jahre behandelt worden ist. Sie fertigte zahllose farbenprächtige Gegenstände an, die frühere Mitarbeiter wiederum dem Museum geschenkt hatten. Fotos: André Thorup

Augustenburg/Augustenborg – 79 Jahre lang hat es in Augustenburg ein psychiatrisches Krankenhaus in Regie des dortigen Krankenhauses gegeben. Das letzte Kapitel seiner Geschichte wird gerade geschrieben – und bislang deutet alles darauf hin, als ob das Psychiatrische Museum im Augustenburger Schloss das Schicksal des Krankenhauses teilten wird.

Der Regionsrat von Süddänemark hat die gesamte Augustenburger Sammlung dem Middelfarter Museum „vermacht“, wo man ein neues regionales Wissens- und Vermittlungscenter in Sachen Psychiatrie einrichten möchte. Historische Exponate, die sowohl aus Augustenburg als auch aus Hviding bei Ripen stammen, sollen Bestandteile einer Ausstellung im früheres Staatshospital in Middelfart werden.

„Viele Gegenstände werden allerdings auch im dortigen Depot landen, da Middelfart ohnehin über die gleichen Exponate verfügt“, gibt Rudi Cargnelli, Leiter des Psychiatrischen Museums in Augustenburg, zu bedenken. Die Region Süddänemark hat dem Museum zu verstehen gegeben, dass es das Pförtnerhaus des Schlosses im Laufe des Frühjahres 2015 räumen müsse. Ehrenamtlich engagierte Bürger setzen sich gegenwärtig bei der Kommune Sonderburg dafür ein, dass diese andere geeignete Räumlichkeiten findet und dem Museum zur Verfügung stellt.

„Unsere Arbeit und ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte würden ansonsten verlorengehen“, sagt Kustodin Vera M. Jensen.

Die staatliche Eigentumsgesellschaft „Freja Ejendomme“, die das Schloss zwecks eines späteren Verkaufs inzwischen übernommen hat, hätte nichts dagegen, wenn das Museum auch fürder sein Domizil im Schloss hätte: „Mit uns kann man reden. Generell haben wir nichts dagegen,  Museen oder Galerien in unseren Gebäuden zu beherbergen, während ein Verkauf derselben vorbereitet wird. Das sorgt für Leben im Haus“, sagt Marie Leth Rasmussen, Kommunikationschefin bei „Freja Ejendomme“.

Die Leiterin von Middelfart Museum, Maiken Nørup,  hat, wie sie in einem Gespräch mit Jydske Vestkysten unterstreicht, ihrerseits nichts dagegen, dass viele der Gegenstände in Augustenburg verbleiben könnten, sofern diese sicher aufbewahrt würden. Zudem würde Middelfart Museum Sonderausstellungen machen, die auch als Leihgabe vermittelt werden könnten.

Der Hintergrund:

Das Psychiatrische Museum wurde im Jahre 2004 als Beschäftigungsprojekt gegründet. Frühere Mitarbeiter des Krankenhauses zeichnen für den Betrieb verantwortlich. Die Sammlung umfasst Fotos, Kleidung, Instrumente sowie Dokumente, die der frühere Krankenhausinspektor Egon Petersen aufbewahrt hat. Ehemalige Mitarbeiter, Patienten und Angehörige haben ebenfalls zu der Sammlung beigetragen. Das Museum ist nur während der Sommersaison geöffnet und hatte im Vorjahr etwa 1.600 Besucher.

Der Kampf um das Museum

Geschichtslos? Die Tage des psychiatrischen Krankenhauses im Augustenburger Schloss sind gezählt. Das Psychiatrische Museum in der Pförtnerwohnung des Schlosses wird somit heimatlos.

Augustenburg/Augustenborg – Wem gehört eigentlich die Geschichte, die von 79 Jahren psychiatrischer Behandlung in Augustenburg zeugt? Sind es die Stadt und jene Menschen, die die Geschichte geprägt haben, oder ist es Middelfart Museum, dem die Region die Exponate geschenkt hat?

Die korrekte Antwort lautet: Middelfart Museum!

„Es ist unsere Geschichte – und es ist die Geschichte der Stadt. Darum sollte die Sammlung auch in Augustenburg bleiben!“ – Diese Auffassung vertreten Museumsleiter Rudi Cargnelli und die Kustoden Birte Pedersen, Jan Jensen, Vera M. Jensen und Marry Sandholdt. Sie alle sind ehemalige Mitarbeiter des Krankenhauses und kennen daher noch einige der Patienten, deren Geschichte in der einstigen Pförtnerwohnung erzählt wird: das Genie beispielsweise, das unermüdlich rechnete, um zu beweisen, dass der Umfang des Kreises nicht 360 Grad hat, sondern 361,5 Grad.

 

 

Die Stadt hat seinerzeit um das Krankenhaus gekämpft

Es hat einmal 500 Patienten und ebenso viele Mitarbeiter in der Augustenburger Psychiatrie gegeben, der die Bewohner der Stadt von Anfang an positiv gegenüber gestanden haben. Am Eingang des Museums hängt heute noch eine Kopie jenes Appells von Bürgern der Stadt an den Stadtrat, worin sie sich eindringlich für den Einzug von „Statens Sindsygehospital“ in das damals leer stehende Schloss einsetzten.

„Ohne das Krankenhaus hätte die Stadt nicht ihre heutige Größe“, betont Vera M. Jensen. Auch sie findet sich in der Museumssammlung wieder: in der Mappe mit den Fotos der zahlreichen Pfleger, die im Laufe der Zeit im Krankenhaus ausgebildet worden sind. Viele Patienten habe jahrelang dort gelebt. Starben sie, begrub man sie auf dem Friedhof der Stadt. Für den Gedenkstein sorgten ebenfalls die Mitarbeiter. An einer Wand sieht man noch den Holzkasten, den die Maurer des Krankenhauses damals als Gussform nutzten.

„Damals war es leider nichts Ungewöhnliches, dass Patienten von ihren Familien vergessen wurden, sobald sie in die Psychiatrie eingeliefert worden sind“, berichtet Vera M. Jensen. Sie kann sich noch gut daran erinnern, dass Mitarbeiter immer dann zu einer Beerdigung gehen mussten, wenn es keine Angehörigen gab, die den Sarg trugen.

Gelingt es nicht, geeignete Räumlichkeiten in Augustenburg zu finden, läuft nun auch das Museum Gefahr, in einem Depot von Middelfart Museum dem Vergessen anheimzufallen.

Es wäre schade drum, meint Charlotte Riis Engelbrecht (Soz.), Vorsitzende des Kultur-, Bürger- und Freizeitausschusses des Stadtrats: „Ich setze mich gern dafür ein, dass das Museum in Augustenburg bleiben kann. Es ist ein Teil der Stadtgeschichte;  daher ist es naheliegend, es dort zu behalten.“

Die Politikerin hat den kommunalen Kulturchef John Frederiksen damit beauftragt zu untersuchen, ob die Kommune dem Museum in Augustenburg kommunale Räumlichkeiten zur Verfügung stellen kann.

Hieße dies auch, dass die Kommune für Miete, Wasser und Heizkosten des Museums aufkommen würde?

„Ich gehe davon aus, dass man diesbezüglich eine Regelung finden würde“, entgegnet Charlotte Riis Engelbrecht.

Die Ausstellung

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in ganz Dänemark große, moderne „Irrenanstalten“ gebaut. In Nordschleswig, das damals deutsch war, behandelte man psychiatrische Patienten indes in Schleswig. Erst im Jahre 1932 wurden sie in Augustenburg therapiert.

Das Psychiatrische Museum in Augustenburg beleuchtet das Leben der Patienten in den großen Bettensälen ohne Privatleben: Sie mussten sich in der Küche, in der Wäscherei und im Garten betätigen. Instrumente zeugen von den damals üblichen Behandlungsmethoden wie Elektroschock und dem „weißen Schnitt“, von Zwangsjacken und Einzelzellen sowie Büchern, Malereien und Handarbeiten, gefertigt von kreativ veranlagten Patienten.


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