Aus: Der Nordschleswiger

Leben im Randgebiet: Kopenhagener Studenten machen den Selbstversuch

13.11.2014 | 18:20 |

Sara Wasmund

Neun Masterstudenten leben über vier Monate in Tondern und erforschen das Leben in einer Randkommune für ihre Projektarbeit

Marius Slawik, Ida Emilie Nemming und Daniel Laszlo Balo vor ihrer Studio-WG in der Osterstraße.

Ida Emilie Nemming mit dem Ergebnis ihrer ersten Klöppelarbeit. Foto: Wasmund

Tondern/Tønder Es ist ein studentisches Experiment: Neun Studenten aus Kopenhagen ziehen für rund vier Monate nach Tondern. Sie leben in einer WG am Ende der Fußgängerzone, schlafen in einem angemieteten Fachwerkhaus in der Osterstraße auf Matratzen oder sitzen im Studio an ihren Facharbeiten. Sie nehmen am Leben der Gemeinschaft vor Ort teil, besuchen Büchereien und Konzerte, arbeiten außer Haus an ihren Projekten und gehen abends aus. Kurzum: Die Studenten lassen sich voll und ganz auf das Leben in einem sogenannten Randgebiet ein.

Und suchen dabei nach Visionen für Städte auf dem Land, die mit Einwohnerschwund und Randlage zu kämpfen haben. Insgesamt 34 Studenten der Kunstakademie für Architektur und Design beschäftigen sich in einem Masterstudienangebot im Bereich Baukunst und Design mit der Frage, wie man das Bild des oft negativ dargestellten „Udkantsdanmark“ verändern kann.

Marius Slawik, Ida Emilie Nemming und Daniel Laszlo Balo sind drei der neun Studenten, die für ein Semester nach Tondern gezogen sind.

Der Nordschleswiger interviewte sie in ihrer Studio-WG und fragte u. a., wie es sich anfühlt, als Großstädter plötzlich in Tondern zu leben. Ihr seid für ein Fachprojekt für Monate aus Kopenhagen nach Tondern gezogen . Wie kam es dazu? „Wir alle haben im September unser Masterstudium begonnen. In einem Fach gab es das Projekt mit dem Titel „Design in Context – Tønder“. Ziel des Kurses war es, Probleme und Lösungen für Randgebiete aufzuzeigen. Wie können wir als Designer und Architekten dazu beitragen? Als wir einen Tagesausflug nach Tondern machten, wurde uns schnell klar: Wir sollten hier leben, um überhaupt zu wissen, womit wir uns da befassen sollen. Dann ging alles ganz schnell. Einen Tag später beschlossen ein paar von uns, nach Tondern zu ziehen, und unsere Lektorin Kirsten Marie Raahauge, die aus Tondern stammt, konnte uns durch ihre Kontakte schnell weiterhelfen“, erzählt Ida Emilie Nemming aus Kopenhagen. So kam es, dass die Studenten am 20. September nach Tondern zogen.

Wie gefällt euch das Leben in einem oft gescholtenen Randgebiet? „Wir fühlen uns sehr wohl und willkommen. Die Nachbarn grüßen uns freundlich und nehmen Pakete für uns an. Passanten bleiben stehen und reden mit uns über unser Projekt. Wir sind schnell ein Teil der Gemeinschaft hier geworden und das fühlt sich ganz toll an“, so Daniel Laszlo Balo, der aus Budapest zum Studium nach Kopenhagen gezogen ist.

„Tondern ist in so vielem das Gegenteil von Kopenhagen. Innerhalb von zwei Minuten ist man raus in der Stadt in einem wunderschönen Marschland, in Kopenhagen dauert es ewig, aus der Stadt rauszukommen. Die abendliche Ruhe fängt hier schon um 18 Uhr an, dann ist hier plötzlich nichts mehr los. Das ist sehr, sehr gut fürs Arbeitsklima“, erzählt Marius Slawik, Architekturstudent aus Düsseldorf. „Die Wege sind hier einfach kürzer. Mal eben raus zum Projekt fahren, zum Essen nach Hause und dann wieder los. Das wäre in Kopenhagen nicht möglich. Aber es ist eigentlich eine schöne Art zu leben und zu arbeiten.“ Und wie verbringt ihr eure Freizeit? Wie sieht es eurer Erfahrung nach mit dem kulturellen Angebot aus? „Man nimmt das Angebot stärker wahr. Man besucht beispielsweise Konzerte, auf die man sonst eher nicht gehen würde. Man weiß schon drei Tage vorher, wann und in welchen Film man geht. In Kopenhagen gibt es so viel mehr Angebote von allem. Hier gibt es weniger, aber dafür wird man offener für Neues“, so Ida Emilie Nemming.

Eine Erfahrung haben sie auch schon gemacht: „Als wir einmal spontan ein Bier trinken gehen wollten, hatte keine Bar auf. Nichts ging mehr“, erzählt Marius Slawik und lacht.

Ansonsten sind sie vom Leben in Tondern hauptsächlich begeistert. „Zum einen ist es der soziale Aspekt, dass wir zusammenleben. Davon abgesehen erleben wir in dieser Stadt eine hohe Lebensqualität“, so Ida Emilie Nemming.


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