Aus: Flensborg Avis

Weglaufen – das geht nicht!

23.10.2014 | 12:39 |

Tilla Rebsdorf

Fürsorge: Wenn die Angehörigen nicht mehr in der Lage sind, sich um ihre dementen Familienmitglieder zu kümmern, ist ein Pflegeheim die Alternative.

Bodil Bjerregaard-Brocks ist Leiterin des Heims an der Nerongsallee in Flensburg.

Ein GPS-Sender bedeutet Sicherheit für alle Beteiligten. Foto: Lars Salomonsen

Flensburg – „Zu uns kommen die rüstigen Dementen. Wenn ein dementer Bürger unruhig wird, die Nacht zum Tag macht und für seine Familie eine ausgesprochene Belastung darstellt, sodass diese sich nicht länger in der Lage sieht, sich des Dementen anzunehmen, dann kommt er zu uns“, sagt Bodil Bjerregaard-Brocks, Leiterin des dänischen Alters- und Pflegeheim „Dansk Alderdoms- og Plejehjem“ an der Nerongsallee in Flensburg.

Sie hat mehr als einmal Familienangehörige anrufen müssen, um ihnen schonend beizubringen, dass ihr Vater oder Mutter verschwunden ist. Die Mitarbeiter des Pflegeheims begeben sich dann auch schon mal auf die Suche, rufen Taxizentralen an und bitten deren Fahrer, die Augen diesbezüglich nach allen Seiten offen zu halten. Die Mitarbeiter haben auch schon Adressen abgeklappert, an denen sich Verschwundene aufhalten könnten – und so lange es draußen hell ist, geht das alles irgendwie.

Doch sobald es dämmert, können die Mitarbeiter wenig ausrichten. Dann heißt es abwarten und das Beste hoffen.

„Es ist natürlich eine äußerst belastende Situation, wenn wir keine Ahnung haben, wo sich der oder die Verschwundene gerade aufhält. Schließlich tragen wir die Verantwortung“, betont die Leiterin. Sie hat für die Einführung elektronischer Hilfsmittel gesorgt, die überwachen, wer wann das Heim verlässt.

Die Voraussetzung dafür ist jedoch ein Sender, der ein Signal an die Mitarbeiter sendet. Einen solchen Sender kann das Pflegepersonal dem dementen Bewohner jedoch nicht einfach in die Tasche stecken – oder in die Schuhe schieben. Dazu bedarf es einer richterlichen Genehmigung, da es sich um eine Einschränkung der persönlichen Freiheit des Betreffenden handelt.

„Wir können aber die Bewohner mit einem Armband und einem darin eingebauten Sender versehen, wobei allerdings die Gefahr besteht, dass unsere Bewohner das Armband abstreifen, bevor sie unser Haus verlassen – und dann nützt das Ganze natürlich nichts“, wie die Heimleiterin unterstreicht.

Das Pflegeheim verfügt über eine geschlossene Gartenanlage, wo sich die Bewohner nach Lust und Laune frei bewegen können. Wenn demente Bewohner, die einen Sender tragen, die Vordertür benutzen oder das Heim durch eine der vielen Brandschutztüren oder aber über den Hof verlassen, empfangen die Mitarbeiter ein Signal, sodass sie vorgewarnt sind.

„In einem solchen Fall gibt es eine feste Verfahrensweise: Wir rennen los und holen den Betreffenden zurück ins Heim. Meistens hat er lediglich eine geringe Entfernung ein Stück die Straße herunter zurückgelegt, bevor wir ihn einholen“, wie Bodil Bjerregaard-Brocks sagt.

Demenz ist eine schleichend fortschreitende Erkrankung; es ist daher nie gut zu wissen, ab wann zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen vonnöten sind: „Es ist immer eine Grauzone, und wir können nicht in unsere Bewohner hineinsehen. An einem Tag könnte der Betreffende vielleicht einfach nur desorientiert sein, zwei Monate später unter Umständen aber schon nicht mehr in der Lage sein, allein nach Hause zu finden.“

Die technologischen Hilfsmittel sind indes gekommen, um zu bleiben, auch wenn dies für die Familie oder das Heimpersonal bedeutet, dass sie zunächst eine richterliche Genehmigung einholen müssen. Doch Bodil Bjerregaard-Brocks sieht Licht am Ende des Tunnels – in Form des Mobiltelefons:

„In wenigen Jahren werden unsere Heimbewohner derart an das Mobiltelefon gewöhnt sein, dass sie ohne nirgendwo hingehen. Mobiltelefone verfügen über ein GPS, was wiederum die Suche erleichtert. Uns stehen in jedem Fall alle Programme zur Verfügung.“

 

Nützliche Wohlfahrtstechnologie

Sicherheit: Da die meisten an Demenz erkrankten Bürger bei ihren Familien leben, kann ein Hilfsmittel wie ein GPS-Sender für ein Mobiltelefon für die Angehörigen eine große Hilfe sein.

Flensburg. Senioren, die noch gut zu Fuß sind, haben das Bedürfnis, auch mal raus zu kommen. Es dürfte kaum Familien geben, die erpicht darauf sind, einen alten Vater oder Mutter tagelang im Haus zu halten. Obwohl die Kinder ständig bangen müssen, ob der Angehörige auch wieder nach Hause findet, ist das bei den meisten  Betroffenen durchaus der Fall. Glücklicherweise, doch sicherer würden sich die Familien fühlen, könnten sie in einem Gehstock oder und in der Schuhsohle einen Sender anbringen, der Hinweise darauf liefert, wo sich der Demente gerade aufhält, wie die Leiterin der Heimpflege von „Dansk Sundhedstjeneste“, Kerstin Reich, sagt:

„Uns liegen noch keine Erfahrungen mit Blick auf die neuen Hilfsmittel vor, da diese noch recht neu sind. Bislang haben wir in der Heimhilfe nicht darauf zurückgegriffen und dafür auch keinen Anlass gesehen.“

Doch diese Art von Hilfsmitteln ist gekommen, um zu bleiben, und sie bietet vielerlei Möglichkeiten, um betroffenen Familien einigen Kummer und Sorgen zu ersparen, wenn demente Angehörige länger als zwei oder drei Stunden verschwunden sind. Daher zeigt der Gesundheitsdienst am Dienstag, 11. November, im Gesundheitscenter an der Waldstraße eine Ausstellung, die die Möglichkeiten der neuen Hilfsmittel, aber auch ihre Grenzen und Probleme aufzeigt. Die Ausstellung wird in Verbindung mit einer Tagung des Gesundheitsrates von 12 bis 18 Uhr gezeigt und ist öffentlich zugänglich.

In Deutschland ist es gar nicht so einfach, ein Familienmitglied zu überwachen: Angehörige brauchen nach Angaben des Flensburger Rathauses eine richterliche Verfügung, wenn sie demente Angehörige auch nur mit einem kleinen GPS-Sender ausstatten wollen. In der Begründung dafür heißt es, dass es sich um eine Form der Fixierung, eine Art Freiheitsberaubung handelt. Es besteht jedoch die Möglichkeit einer Vorsorgevollmacht, wonach sich der Bürger im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte mit einer solchen Überwachungsmaßnahme einverstanden erklärt, sobald er ein Stadium erreicht, in dem er beispielsweise nicht mehr nach Hause finden kann. Eine derartige Vollmacht kann es einem Richter gegebenenfalls erleichtern, eine Entscheidung zu fällen. Wie dem auch sei: Um einen Gang zum Gericht kommen die Angehörigen nicht herum.


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