Aus: Der Nordschleswiger

Dänemark ist wie Verwandtschaft

06.11.2014 | 15:38 |

Gwyn Nissen

Claus Robert Krumrei ist seit dem Sommer 2014 neuer Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Dänemark. Am 24. September hat er von Königin Margrethe II sein Akkreditierungsschreiben erhalten.

Claus Robert Krumrei , Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Dänemark.

Herr Botschafter Krumrei, was hat Sie in der ersten Zeit hier in Dänemark überrascht?

Man macht sich immer sehr intensive Vorstellungen über das Land, in das man für mehrere Jahre geht.

Dänemark ist dabei ein Sonderfall, denn Dänemark ist uns Deutschen nicht fremd – Dänemark ist „Verwandtschaft“ und die betrachtet man differenzierter als andere. Man erwartet von der „Familie“ eine gewisse Nähe und man ist umso begeisterter, wenn das auch der Fall ist: Man geht durch Straßen, die auch in Deutschland liegen könnten, begegnet Menschen, mit denen man schnell eine Art Seelenverwandtschaft spürt.

Ich erlebe Menschen, die ihre ruhige und nüchterne Art haben, aber auch herzlich sind. Menschen, auf die man sich verlassen kann, die aber – wenn nötig – auch richtig kämpferisch sind. Das ist mir alles aus meiner norddeutschen Heimat sehr vertraut.

Ich habe aber auch gemerkt, dass es Dinge gibt, wo wir uns nicht ganz nahe sind. Die übrigen Teile Europas liegen weiter weg. Deutschland liegt in der Mitte Europas. Unser Denken ist sehr europäisch angelegt. Dadurch entsteht eine ganz andere Sicht auf Europa als in Dänemark, dessen Denkweise nicht so europäisch durchdrungen ist.

Ich sehe es unter anderem als meine Aufgabe an, diese deutsche Sichtweise auch in Dänemark zu vermitteln.

Gab es Schlüsselerlebnisse in den ersten Monaten?

Ein Schlüsselerlebnis ist, dass es in Dänemark mehr Fahrräder als Autos gibt. Kopenhagen ist eine Fahrradstadt und so etwas gibt es nicht in Deutschland. Nicht einmal in Berlin, wo viel Fahrrad gefahren wird. Ich bin selbst begeisterter Radfahrer und finde es toll, wie die Dänen dieses Thema angegangen sind.

Ein weiteres Schlüsselerlebnis ist die Konsequenz, mit der die Dänen auf ein gewünschtes Ziel zusteuern. Ich habe auch so etwas erwartet, aber es hat mich doch überrascht, wie stark es das Land prägt.

Das dritte Schlüsselerlebnis ist die Tiefe unserer Verwandtschaft. Auf Lolland zum Beispiel, wo es keine deutsche Minderheit gibt, sieht man deutlich die Wurzeln unserer gemeinsamen Vergangenheit: Es sind die gleichen Felder, Kirchen und Ortschaften, das gleiche Klima, die gleichen Bauern, die das Gleiche anbauen. Das ist seit tausend Jahren so und in der Geschichte, die dazwischenliegt, hat es zu 99 Prozent keine Gegensätze gegeben. Der einzige Krieg, den unsere Länder gegeneinander geführt haben, war 1864. Deutschland unterscheidet sich insofern von anderen Nachbarn, etwa Schweden: Wir waren eigentlich nur selten Konkurrent, sondern einfach Nachbar. Ich verstehe deshalb, dass ein Deutscher in Dänemark gut leben kann – hier fühlt man sich wohl.

Ich habe, bevor ich wusste, dass ich Botschafter in Dänemark werden würde, meinen Vorgänger Michael Zenner gesprochen. Er sagte, hier könne er ewig bleiben. Wenn man sich als Diplomat  in einem fernen Land fremd fühlt, beginnt man sehr früh, an einen neuen Posten zu denken. In Dänemark ist das anders.

Kopenhagen ist Ihr erster Botschafterposten, warum ist es Dänemark geworden?

Die deutschen Nachbarn interessieren mich sehr, ich habe viele Jahre damit verbracht, sie alle kennenzulernen. Dänemark ist durch seine Geschichte und Gegenwart eine starke beeindruckende Nation und ein Land mit einer ebenso langen Geschichte wie Deutschland.

Was möchten Sie in Dänemark sehen? Wohin möchten Sie reisen?

Ich möchte die Orte in Dänemark sehen, die mir den Ursprung und die Wurzeln dieses Landes besser verständlich machen. Nehmen Sie zum Beispiel den Runenstein von Jelling. Er zeigt die Welt, aus der Dänemark kommt, und ist damit entscheidend für ein besseres Verständnis von Land und Leute und des dänischen Lebensgefühls und Selbstverständnisses heute.

Ich möchte die Orte bereisen, die mir den Zusammenklang von Land und Meer oder von Landwirtschaft und dem Streben nach der weiten Welt erklären. Dies sind vielleicht zwar nur wahrgenommene Gegensätze, machen aber gleichzeitig den besonderen Charme und die Anziehungskraft Dänemarks und der Dänen aus.

Was waren Ihre bisherigen Stationen im Auswärtigen Amt?

Geprägt haben mich vor allem meine Stationen in Moskau und Washington. Beides sind die Orte, von denen aus die europäische Geschichte, die Zeit zwischen 1945 und 1989, also die Welt meiner Jugend, bestimmt worden ist. Auch habe ich seit meiner Tätigkeit in Hongkong ein besonderes Interesse für China und zu Beginn hatte ich Kolumbien kennenlernen dürfen.

Was sind Ihre privaten Interessen?

Ich lese sehr gerne - momentan Bo Lidegaards Geschichtsbuch „En fortælling om Danmark i det 20. århundrede“ und „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark. Es gefällt mir sehr, die Stadt mit meinem Fahrrad zu erkunden. Außerdem höre ich sehr gerne Musik und spiele selber Klavier. Die Freizeit verbringe ich am liebsten mit den mir nahestehenden Menschen – mit meiner Familie und Freunden, die durch den Beruf bedingt in der ganzen Welt verstreut sind.

Geschichte und Politik interessieren mich sehr und ich bin passionierter Museumsbesucher. Ganz besonders gefällt mir das Museum Louisiana. Ich habe dort eine hervorragende Emil-Nolde-Ausstellung besucht, die zeigt, was uns Deutsche und Dänen künstlerisch verbindet.


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