Aus: JydskeVestkysten

Lehrer im Stress

20.09.2014 | 09:09 |

Anne Kleemeyer Kiil & Nikolaj Primdahl Petersen

Schulreform: Die gewerkschaftlichen Lehrervereine in Südjütland registrieren gegenwärtig überdurchschnittlich viele Krankmeldungen ihrer Mitglieder. Etwa 15 Lehrer haben sich seit dem Beginn des neuen Schuljahres unter Angabe von Stress als Ursache krank gemeldet. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Mia Barker kann durchaus positive Seiten der Reform sehen, doch es macht ihr zu schaffen, dass sie nicht genug Zeit hat, sich auf ihren Unterricht vorzubereiten. Ihrer Meinung nach sind die Schüler die Leidtragenden. Foto: Søren Gylling

Zahlreiche Lehrer an den Volksschulen in Südjütland und Nordschleswig haben sich krank gemeldet, da sie zu viele Sitzungen, zu viele Unterrichtsstunden und zu wenig Zeit haben, um sich auf ihren Unterricht vorzubereiten.

Seit dem Beginn des neuen Schuljahres leiden bis zu 15 Lehrer unter Stress. Die Dunkelziffer könnte indes noch weitaus höher sein, da in den gewerkschaftlichen Lehrerkreisen möglicherweise noch nicht alle Krankmeldungen erfasst worden sind, verlautet es aus mehreren Lehrerkreisen in Südjütland und Nordschleswig.

 

Eine ungewöhnliche Situation

 

Eine Umfrage von Jydske Vestkysten belegt, dass fünf von neun südjütischen Kreisen Lehrer haben, die sich seit dem Schulanfang mit Stress als Begründung krank gemeldet haben. Die übrigen Kreise haben noch keinen Überblick über die Krankmeldungen, in denen die Mitglieder Stress als Krankheitsursache angaben. Es wird in diesem Zusammenhang betont, dass es durchaus Krankmeldungen geben könnte, die noch nicht erfasst worden seien.

„Zurzeit herrscht eine äußerst ungewöhnliche und besondere Situation. Normalerweise erreicht die Stresskurve im November oder Dezember mit dem  Voranschreiten des Schuljahres und der dunklen Jahreszeit ihren Höhepunkt. Während der Sommerzeit pflegen die Lehrer „aufzutanken“, sagt der Kreisvorsitzende Bent Hansen. Er hat Kenntnis von mindestens drei erkrankten Lehrern in Hadersleben.

 

Ein schlechtes Gewissen

 

Laut Torben Hagedorn, Vorsitzender des Apenrader Lehrerkreises, stehen die Lehrer unter enormem Druck.

„Es gibt schlicht zu viele Aufgaben, die es während einer Wochenarbeitszeit von 40 Stunden zu bewältigen gilt. Wenn man um 16.30 Uhr nach Hause kommt und weiß, dass man auf den nächsten Tag nicht ordentlich vorbereitet ist, bekommt man ein schlechtes Gewissen. Die Arbeitszeit reicht nicht für die vielen anstehenden Aufgaben – und dass macht die Leute krank.“

 

In Sonderburg befürchtet man, dass dies nicht folgenlos bleiben wird.

„Ich vermag zwar nicht genau zu sagen, wie viele Erkrankte es aufgrund von Stress gibt, doch ich bin mir nicht einen Moment darüber im Zweifel, dass wir 700 gestresste Lehrer haben. Viele von ihnen stehen momentan unter großem Druck. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, werden wir zu Weihnachten haufenweise Krankmeldungen erhalten“, sagt Lisbeth Skyum vom Sonderburger Lehrerkreis.

 

Infobox

Krankmeldungen der Lehrerkreise

 

Der Lehrerkreis von Varde hat drei Lehrer, die langfristig krank gemeldet sind und darüber hinaus Hinwendungen von anderen frustrierten Lehrern erhalten.

Apenrade hat nach drei Wochen zwei Krankmeldungen erhalten. Tondern hat keine konkreten Krankmeldungen bekommen; dort möchte man gleichwohl unbekannte Fälle nicht ausschließen. In Sonderburg hat man noch keinen Überblick über die Krankmeldungen, jedoch große Probleme mit Blick auf die Vorbereitungszeit der Lehrer. In Hadersleben hat man mehrere Hinwendungen von Lehrern erhalten und mindestens drei Krankmeldungen. In Kolding hat man ebenfalls noch keinen Überblick, jedoch Hinwendungen von frustrierten Lehrern erhalten. In Vejen weiß man von einem krankgemeldeten Lehrer. Dort hat man das Gefühl, dass die Lehrer generell unter Druck stehen.

In Billund gibt es keine konkreten Krankmeldungen; dort befürchtet man indes für die nächste Zeit viele Krankmeldungen. In Esbjerg schätzt man die Zahl der krankgemeldeten Lehrer im August auf vier bis fünf.

 

Ein Beispiel

 

Lehrerin Mia ist von Selbstzweifeln geplagt.

 

Bauchschmerzen: Der fachliche Stolz von Lehrerin Mia Barker hat unter der Schulreform schwer gelitten.  Es gibt Dinge, die ihr an der Schulreform durchaus gefallen: Mia Barker hat einen festen Arbeitsplatz bekommen, und wenn sie zu Hause ist, hat sie auch wirklich frei.

Dies ändert allerdings nichts daran, dass der Knoten in Mias Bauch von Woche zu Woche wächst.

„Das alles geht mir unglaublich nahe. Es ist mir nicht vergönnt, das zu liefern, worin ich wirklich gut bin: die Lehrerin zu sein, die ich gern sein würde. Ich kann meinen Schülern nicht das bieten, was sie verdienen – und das, was sie brauchen. Dies empfinde ich als wirklich hart“, gesteht eine sichtlich frustrierte Mia Barker. Aus diesem Grund hat sie auch einen Brief an ihre Schulleitung von „Fællesskolen Favrdal-Fjelstrup“ in der Kommune Hadersleben geschrieben, worin sie ihren Empfindungen Ausdruck verleiht: ihren zunehmenden Bauchschmerzen, nie genug Zeit für ihre Aufgaben zu haben. Eine schlechtere fachliche Zusammenarbeit mit den Kollegen. Ihren Brief endet sie mit einer Bitte: „Ich möchte gern wieder eine gute Lehrerin sein. Könnt ihr mir dabei helfen?“

 

Der einzelne Schüler

 

Die 31-jährige Mia Barker ist seit nunmehr sieben Jahren Volksschullehrerin. Sie hat sich stets viel Mühe gegeben, sich gründlich auf ihren Unterricht vorzubereiten und ihren Unterricht mit Blick auf den einzelnen Schüler zu differenzieren. Auch war ihre Stundenzahl mitunter wohl ein wenig zu hoch angesetzt. Jetzt aber fehlt ihr für all das die Zeit. Das Material landet in zunehmendem Maße ohne vorherige kritische Durchsicht auf den Tischen der Schüler.

„Normalerweise plant man in mehreren Etappen, ausgehend von einem übergeordneten Unterrichtsziel, erarbeitet Entwürfe zum Thema und zum Material, macht Zeitpläne, plant den Unterrichtsverlauf von Tag zu Tag und von Aktivität zu Aktivität. Schlussendlich müssen wir auch die einzelnen Schüler berücksichtigen, die starken und die schwachen, und die Aufgaben differenzieren. Die letzten Punkte, das schaffe ich schlicht nicht mehr!“, seufzt Mia Barker.

„Ziel der Reform ist es, das schulische Leistungsniveau der Kinder zu erhöhen, und genau dies gestaltet sich schwierig. Schwieriger als zuvor“, wie sie sagt.

 

Unprofessionell

 

Im Lehrerzimmer unterhält sich Mia Barker mit ihren Kollegen oft über die Schulreform. Kleinigkeiten nehmen auf einmal viel Raum ein. Das Schlimmste aber ist, dass die Reform es erschwert, an den Schulen ein hohes fachliches Niveau zu bewahren. Mia Barker hat nicht das Gefühl, dass ihr die Zeit bleibt, sich ordentlich vorzubereiten. Darum greifen sie und ihre Kollegen zu allen möglichen Lösungen.

„Würden wir einfach nur unser Material gegenseitig verwenden, es kopieren und anschließend in der Klasse verteilen, wäre dies unprofessionell. Dann würde man das Ganze nicht mit kritischem Blick betrachten und die Aufgaben an das jeweilige Leistungsniveau der Klasse anpassen“, erläutert Mia Barker. Sie freut sich darüber, dass die Schulleitung auf ihren Brief reagiert hat. Demnächst hat sie ein Treffen mit der Leitung. Dennoch befürchtet auch sie weitere Krankmeldungen von Kollegen. Auch sie selbst fühle sich psychisch unter Druck gesetzt.

„Ich empfinde die Situation als schwierig, da mir selber die Hände gebunden sind. Dies hier ist nicht nur eine Angelegenheit für meine Chefs, sondern das alles muss weiter oben im System erörtert werden. Darum habe ich auf die Lage aufmerksam gemacht. Wir Lehrer waren es gewohnt, dass wir die Zeit, die wir benötigten, auch zur Verfügung hatten. Jetzt müssen wir Bescheid sagen, wenn wir die Aufgaben nicht bewältigen können. Früher haben wir uns die Zeit einfach genommen. Das geht nicht mehr. Wir würden alle gern unser Bestes geben, und das ist schwierig, wenn man uns nicht lässt.“


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