Aus: sh:z-Tageszeitungen

Ewiges Rätsel zwischen Ebbe und Flut

20.09.2014 | 09:15 |

Torsten Beetz

Die Gezeiten fördern immer wieder Kulturspuren der versunkenen Insel Strand zutage/Neues Buch über den Mythos Rungholt erschienen

Brunnenreste im Watt: Hobby-Archäologe Andreas Busch gilt als Pionier der Rungholtforschung. Foto: dpa

Husum. Wandelte König Artus vor einigen hundert Jahren über die Insel Strand? Handelt es sich bei den 1982 gefundenen sterblichen Überresten eines jungen Mädchens wirklich um die „Frau mit dem roten Rock“, die in alten Hallig-Sagen auftaucht? Ein jetzt vom Husum Verlag herausgegebenes Büchlein nimmt sich dieser und anderer Themen rund um das sagenumwobene Rungholt an.

„Im Meer versunken“ haben Hellmut Bahnsen, Robert Brauer und Cornelia Mertens ihr Werk benannt. Die drei Autoren sind im nordfriesischen Wattenmeer zu Hause. Als Hobby-Forscher, Wattführer, Wasser- und Deichbauer kennen sie das Gebiet zwischen Nordstrand und Pellworm wie kaum ein anderer. Sie sind fasziniert vom Mythos der alten Insel Strand, dem ehemals reichen Rungholt und der Bernsteininsel Abalus, obgleich diese durch die großen Sturmfluten in den Jahren 1362 und 1634 für immer von der Bildfläche verschwunden sind. Für immer?

Mitnichten, denn immer wieder tauchen bei Ebbe Relikte aus der untergegangenen Welt auf, öffnen ein Zeitfenster und gewähren Einblicke in längst vergangene Zeiten.. „Rungholt ist zwar vor 650 Jahren untergegangen, aber es existiert noch – in der Literatur, in alten Aufzeichnungen und in den Köpfen der Menschen“, sagte Dr. Uwe Haupenthal zu Beginn der Buchpräsentation im Husumer Nordsee-Museum. Genau an jenem Ort und in dem Haus, das sich in zwei Jahren mit einer Sonderausstellung dem Thema Rungholt in besondere Weise widmen möchte. Das knapp 100-seitige Werk der drei Autoren trage dazu bei, den Mythos einer untergegangenen Landschaft am Leben zu erhalten, lobte der Leiter der Nordsee-Museums. Für Kai Edlefsen, den stellvertretenden Bürgermeister von Pellworm, stellt das Buch eine Verbindung zwischen Pellworm und Nordstrand her – eine historische. Denn vor den großen Sturmfluten stellte die untergegangene Insel Strand die Verbindung zwischen Nordstrand und Pellworm dar – mit dem Buch schließt sich also der Kreis.

Genau das sei auch ein Anliegen des Autorenteams gewesen, sagte Cornelia Mertens. „Wir wollten den Gedanken ins Bewusstsein rufen, dass die Insel Pellworm und die Halbinsel Nordstrand zusammengehören“, erläuterte die Wattführerin. Zudem solle das Buch nicht nur Werbung für die Region und ihre Geschichte machen, sondern zugleich empirisches Wissen aufbereiten und vermitteln.

Zwar eint alle Autoren die Fazination Rungholts, aber jeder von ihnen interpretiert seine Erfahrungen, Beobachtungen und Funde auf eigene Art und Weise. Mal wissenschaftlich belegt, mal ironisch, mal vermutend, mal fragend – doch nicht immer übereinstimmend.

Bahnsen, Brauer und Mertens folgen den Spuren früherer Siedlungen, Aufzeichnungen und Mythen. Sie fügen mit ihren Hobby-Forschungen weitere Puzzleteilchen in das Rungholt-Mosaik ein. Dennoch bleiben Fragen unbeantwortet. Das Schicksal Rungholts und der Insel Strand mit 44 Deichbrüchen, 6123 Toten, 1359 vernichteten Häusern und 28 Windmühlen sowie rund 50 000 Stück Vieh wird deshalb auch die nächsten Generationen fesseln und faszinieren.


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