Aus: sh:z-Tageszeitungen

Und täglich grüßt das Heiratstier

28.08.2014 | 13:10 |

Elisa von Hof

Im süddänischen Tønder heiraten Paare im 15-Minutentakt: Standesbeamte und Trauzeugen aus dem örtlichen Seniorencenter geben mehr als 30 Ehepaaren pro Tag ihren Segen.

Eingespieltes Team beim Heiraten im 15-Minuten-Takt: Standesbeamtin Heidi Jensen, Rosa Schmidt, Olaf Petersen (v.l.)

No2: Beim Ja-Wort: Trauzeuge Olaf Petersen fotografiert Viktor und Julia während ihrer Hochzeit mit dem Handy. Fotos: Elisa von Hof

Tønder – Olaf drückt sein Kreuz durch. Er streicht noch einmal seinen schwarzen Pullover glatt und verschränkt die Arme hinter seinem Rücken. Stumm lächelnd blickt er auf die große Eingangstür zum leeren Saal. Gleich wird das nächste Paar hinein kommen und der 81-Jährige wird sein Trauzeuge sein. Wie bei den fünf Ehepaaren zuvor. Es ist kurz nach neun Uhr morgens an einem Donnerstag im August.

Nervöses Stimmengezwitscher erfüllt die Wartehalle. Menschen scharren mit den Füßen, rutschen auf den Baststühlen hin und her. Frauen kneten ihre Hände, kauen auf rosa geschminkten Unterlippen. Ein Duftgemisch aus blumigem Parfum, Desinfektionsmittel und leicht muffigen Behörden-Geruch steigt in die Nase. „Sind wir zu spät?“, fragt ein blonder Mann mit russischem Akzent und platzt in die Halle. Sein Hemd ist verrutscht, er blickt suchend durch den weiß gefliesten Raum. „Wir sollten schon vor zehn Minuten dran kommen“, erklärt er den Wartenden gestikulierend. Sie hätten sich verfahren und nun vielleicht ihren Termin verpasst. Timing ist im Tønderner Rathaus alles: Im 15-Minuten-Takt werden in der süddänischen Kommune Ehen geschlossen – 31 Paare sind es heute. Zu welchem Zeitpunkt sich die Paare das Ja-Wort geben, können sie auf einer laminierten Zeittafel im Foyer ablesen. Vorher, als Viktor und Julia nicht pünktlich erscheinen, springt ein asiatisches Paar ein. „Hoffentlich klappt jetzt alles“, sagt der Deutsche mit kasachischen Wurzeln und läuft noch einmal hinaus, um aus seiner Jeans in einen Anzug zu schlüpfen. Jetzt muss alles schnell gehen. 

Von der zeitweiligen Hektik im Wartesaal bekommt Trauzeuge Olaf Petersen nichts mit. Seit mehr als zehn Jahren steht er den Paaren zur Seite, die keine Trauzeugen zu ihrer Hochzeit in Dänemark mitbringen können. Trotz des geringen bürokratischen Aufwands und der kurzen Wartezeit zwischen der persönlichen Anmeldung und der standesamtlichen Trauung sind zwei Trauzeugen gesetzliche Pflicht. Wer keine hat, für den stehen zwei ehrenamtliche Liebeshelfer aus dem süddänischen Seniorencenter bereit. An diesem Tag übernehmen Rosa und Olaf diese Aufgabe. Wenn sie leise miteinander tuscheln und Rosa kichert, ist ihnen die Vertrautheit anzumerken, entstanden durch hunderte, gemeinsame Trauungen. „Das Schönste ist, wenn die Paare richtig glücklich sind“, sagt Olaf strahlend. Vor mehr als sechzig Jahren hat er selbst in Tønder geheiratet, nun steht er ungefähr alle sechs Wochen als Trauzeuge im Ratssaal.

Als die Standesbeamtin Bente Skipper Viktor und Julia aufruft, halten sie sich an den Händen. Ihre Pumps klackern über den Fußboden, den Strauß aus orangenen Rosen hält die Ukrainerin fest umklammert. Wenn sie auf den massiven Stühlen Platz genommen haben, setzt sich die Heiratsroutine Tønders in Gang. Die Standesbeamtin bestätigt die Personalien des Paares und hält eine kleine Rede über die Ehe. „Dänische Trauungen sind kurze Zeremonien ohne Musik“, sagt Skipper mit leicht dänischem Akzent. Während der zehnminütigen Trauung schießt Olaf Fotos für die Vermählten. Er huscht auf lautlosen Sohlen um den lackierten Holztisch, den zwei Kerzen neben einer dänischen Flagge in ein warmes Licht tauchen. Wenn der 81-Jährige aus allen Winkeln Bilder der Hochzeit für die Ewigkeit festhält, scheint er selbst sein Alter zu vergessen.  

Zwei Unterschriften und einen Kuss später sind Viktor und Julia verheiratet. Olaf und Rosa gratulieren – die Standesbeamtin holt das nächste Paar in den Saal. Englische, französische, russische und spanische Sprachfetzen wabern durch den Warteraum. Ein junges, afrikanisches Paar ist an der Reihe. Den raschelnden Satinkleidern weht Haarspray-Geruch hinterher.

Die 7.500-Einwohner-Gemeinde, die wenige Kilometer hinter der deutschen Grenze liegt, zeigt sich von dem Geschehen unbeeindruckt. Satt grüne Rhododendron-Büsche schmiegen sich an die backsteinfarbigen Häuser. Hortensien lassen ihre regenschweren Köpfe in den Vorgärten hängen. Eine Handvoll Touristen schlendert durch die Innenstadt. Vom Heiratsmarathon im Rathaus ist hier nichts zu spüren.

Unterdessen im Rathaus: Nach zehn Trauungen kommt Standesbeamtin Heidi Jensen zum Schichtwechsel, ihre Vorgängerin Bente Skipper ist für heute fertig. „Um eine gute Leistung zu bringen, wechseln wir uns zwei Mal pro Tag ab“, sagt sie im Vorbeigehen. 1900 Paare pro Jahr kann niemand allein verheiraten.

Im Vorraum wartet eine 19-jährige Gelsenkirchnerin auf ihre Hochzeit. Ein Bein angewinkelt dreht sie gelangweilt an einer Haarsträhne. Künstliche Wimpern kontrastieren mit  Jeans und Pullover. Gefallen habe es ihr nicht in Tønder, sagt sie. Zu wenig Geschäfte und nur Langeweile – sie würden gleich nach der Trauung wieder nach Hause fahren. Aufruhr entsteht am Nachbarplatz: Ein Bräutigam sucht seine Heiratsurkunde, wohl in der Hektik vergessen. Schließlich findet er die bedruckte Mappe mit den Unterlagen, die er später in Deutschland abgeben muss. Ohne sie kann keine Ehe anerkannt werden.  

„Weil Tønder als das Las Vegas des Nordens gilt und ich immer in Las Vegas heiraten wollte, heiraten wir hier“, sagt Zeynep aus Köln grinsend. Vor zwei Jahren habe sich das Paar im Internet kennengelernt, in sechs Wochen kommt ihr erstes Kind auf die Welt. Fast hätten sie wegen ihres Brautstraußes die Trauung verpasst – aber zu ihrem blauen Kleid waren Zeynep weiße Rosen wichtig. Nebenan handelt eine Braut praktikscher: Da sie ihren Strauß aus nicht taufrisch wirkenden Rosen nach der Trauung nicht mehr braucht, gibt sie ihn gern an die Nächste ab. Beherzt greift eine 27-jährige Österreicherin im Petticoat-Kleid zu. Sie heiratet in wenigen Minuten ihre Urlaubsbekanntschaft, nun mit recyceltem Strauß.

Nach vier weiteren Paaren ist Halbzeit für die Trauzeugen Olaf und Rosa. Kurze Verschnaufpause, dann geht es weiter. Im Foyer begegnen sich die Hochzeitspaare. Sie kennen sich von der persönlichen Anmeldung  drei Tage zuvor. Nun klopfen sich die Ehemänner auf die in schwarzen Sakkos steckenden Schultern. „Alles Gute“-Rufe klingen durch die Halle. Erleichterung steht vielen Paaren ins Gesicht geschrieben. Geschafft. Und dann nichts wie weg aus dem süddänischen Städtchen. Einige treten an diesem Tag gleich den Heimweg an, gefeiert wird dann zu Hause. Nur Olaf ist noch immer im Ratssaal. Auch nach über 20 Trauungen wartet der Senior schmunzelnd auf das nächste Paar. Er schießt schnell ein Foto mit seinem I-Phone, dann geben Rosa und er den Nächsten ihren Segen. Es ist das 21. Paar heute.


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