Kinder im Grenzland

Fünf Kinder unter einem Dach: "Ja, das sind alles meine!"

18.12.2008 | 12:02 |

Angela Jensen

Die Zukunft des Grenzlands: Das sind vor allem die Kinder, die nördlich und südlich der Grenze auf die Welt kommen. Geht es danach, hat Dänemark die besseren Aussichten: Dort erlebt die Großfamilie eine Renaissance, dort liegt die Geburtenrate mit nahezu zwei Kindern pro Frau deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Sorgen die Kommunen doch auch automatisch für einen kostenlosen Kindergartenplatz. In Deutschland hingegen bringt eine Frau im Durchschnitt nur 1,32 Kinder auf die Welt. Die Zahl der Schleswig-Holsteiner wird nach den Prognosen ab 2012 abnehmen.

Bald kommt das sechste Kind: Familie Klang aus Meyn. Foto: Dewanger

Helge Klang (39) beseitigt gerade die letzten Reste des Frühstücks. Seine Frau Nicole (36)  schenkt sich derweil einen Kaffee ein und setzt sich entspannt an den Tisch. An der Zimmerdecke baumelt der Adventskranz, das Wohnzimmer ist weihnachtlich geschmückt. Die Zeitung liegt noch jungfräulich auf der roten Samttischdecke. Jetzt wäre ja die Zeit ... doch Entspannung und Ruhe, die kennt das Ehepaar Klang kaum.  Xenia (1), Zoe (3), Joline (4), Jean Luc (10) und Dominik (13), zwei Katzen und zwei Meerschweinchen halten Helge und Nicole ständig auf Trab - oder besser: im Galopp. "Unsere drei Mädels können manchmal schon kleine Zicken sein", erklärt Helge Klang und lächelt nachsichtig. Xenia kennt diesen warmherzigen Blick ihres Papas und guckt verschmitzt hinterm Tischbein hervor, Jelina kuschelt auf Papas Schoß und Zoe ... die nuckelt mal wieder an ihrem Schnuller. Dabei zählt sie schmatzend alle Familienmitglieder und gleichzeitig mit ihren kleinen Fingern das Alter ihrer Geschwister auf.

Helge und Nicole sind seit 15 Jahren verheiratet und "könnten sich ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen". Dominik, der Älteste, kam behindert zur Welt, braucht viel Zuwendung und Förderung. "Als klar war, dass die Behinderung nicht genetisch bedingt war, haben wir uns getraut, noch ein Baby zu bekommen - Jean Luc", erzählt Mama Nicole, und Papa Helge sagt: "Damit war unsere Familienplanung abgeschlossen. Dachten wir." Sie bauten ein  Holzhaus in Meyn und richteten ihr Leben ein. Helge Klang arbeitet als Elektromeister und Nicole als Krankengymnastin. Mit den Jahren wurden sie wohl "doch ein bisschen unvorsichtig", denn plötzlich und unerwartet kündigte sich Joline an. Sie löste wiederum eine Art Kettenreaktion aus, "denn Joline sollte nicht als Quasi-Einzelkind aufwachsen. Immerhin war Jean Luc damals schon sechs Jahre alt und wir entschieden uns für ein viertes Kind", erklärt Helge Klang. Und schwupp waren die Klangs eine Großfamilie. Das Haus musste ausgebaut werden und ein Familien-Van her. "Viele fragen uns, wie wir das alles schaffen. Doch irgendwie sind fünf Kinder nicht viel anstrengender als drei", behauptet Nicole Klang und guckt zu ihrer Rasselbande rüber. Jean Luc ist jetzt auch aus seinem Zimmer gekommen und Dominik freut sich augenscheinlich über seinen neuen DVD-Film.

Eltern fordern kostenlosen Kindergarten

Die Kinder sind selbstständiger als andere ihres Alters. Sie helfen und trösten sich gegenseitig. Helge Klang ist stolz auf jedes einzelne seiner Kinder und erzählt schmunzelnd:  "Wenn die Leute auf der Straße mich fragend ansehen, sage ich gleich 'ja, das sind alles meine!'" Was ist mit den Vorurteilen? Negative Erfahrungen mit anderen Mitbürgern hätten sie bisher nicht gemacht. Die meisten seien "eher überrascht und erstaunt". "Von meinen  älteren Patienten höre ich immer, es sei früher ganz normal gewesen, fünf bis sechs Kinder zu bekommen", erzählt die fünffache Mutter. Elterngeld, höheres Kindergeld oder Kinderfreibeträge waren und sind für Helge Klang kein Anreiz, mehr Kinder in die Welt zu setzen.

Seine Visionen: Die Gesellschaft sollte ihre Einstellung zu Kindern ändern, Kindergartenplätze und Betreuung an den Schulen müssten kostenfrei sein. "Damit könnte man Familien wirklich entlasten", setzt er obendrauf. Und seine Frau Nicole hat auch noch einen Wunsch, nämlich gesellschaftliche Anerkennung. "Ich bin keine Rabenmutter, weil ich 20 Stunden pro Woche arbeiten gehe, obwohl ich fünf Kinder zu betreuen habe. Mein Beruf ist mir auch wichtig."

Wunschkind Nummer sechs

Xenia, Zoe und Jolina gehen in Schafflund bis 12 Uhr in den Kindergarten, Jean Luc besucht in Medelby die Ganztagsschule und Dominik wird in Flensburg bis zum späten Nachmittag betreut. Einmal die Woche kommt eine Putzfrau und greift Nicole unter die Arme. Helge Klang erledigt immer am Ende der Woche den Großeinkauf, ein Kindermädchen betreut die Kleinen, wenn Nicole am Nachmittag arbeiten muss. Zur Not wird auch mal die Oma bemüht. In den Sommerferien machen die Klangs gern Campingurlaub in Mecklenburg-Vorpommern. Dänemark? Zu kostspielig! Joline hat mitgehört: "Wann fahren wir denn wieder nach Usedom?" Sie würde so gerne wieder Muscheln sammeln und am Strand herumtollen. Das dauert wohl noch. Erst mal ist Weihnachten. Was sie, Joline, sich denn wünsche? "Tischfußball" kommt es wie aus der Pistole geschossen. Man muss wissen: Die kleine Joline ist fasziniert von den Fußball-Künsten Jean-Lucs, der aktiv im Verein kickt. Die Frage ist zwingend: Wie feiert Großfamilie Klang das Weihnachtsfest? Natürlich ganz traditionell. Heiligabend zu Hause mit Gans und Bescherung, dann Familienbesuche. In den vergangenen Jahren seien sie auch mal über Weihnachten in den Harz gereist ("…da gab es, oh wie schön, immer Schnee!"). Doch in diesem Jahr bleiben sie in Meyn. Besser ist das, denn…im Februar kommt Wunsch-Kind Nummer Sechs auf die Welt!


Seite drucken