Widerstandskampf

Der Planer des gescheiterten Hitler-Attentats

20.05.2009 | 14:11 |

Volker Heesch

Sein Name ist weitgehend unbekannt, aber Jens Jessen gilt als der Mann, der schon im Frühjahr 1943 den Plan konzipierte, Hitler mit einer Sprengladung in der Wolfsschanze auszuschalten.

Bei der Kranzniederlegung an der Gedenktafel für den am 30. November 1944 hingerichteten Professor Jens Jessen - 50 Jahre nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 - ergriff der frühere dänische Widerstandskämpfer Werner P. Nørgaard spontan das Wort. Nørgaard hatte sich seine blau-weiß-rote Binde vom Arm gestreift und erklärte, er tue das "als Symbol der Dankbarkeit gegenüber Frauen und Männern wie Jens Jessen". Nørgaards Bruder ist von den deutschen Besatzern in Kolding erschossen worden.

 

Die wichtige Rolle des deutschen Nordschleswigers Jens Jessen, der in Stoltelund bei Tingleff geboren wurde und in Flensburg sein Abitur machte, bei den Vorbereitungen auf das Hitler-Attentat ist im dänischen Grenzland noch weniger bekannt als auf deutscher Seite. Im Zusammenhang mit dem gescheiterten Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 wird eher selten der Name Jens Jessen erwähnt. Doch der Nordschleswiger, der nach Kriegsdienst im 1. Weltkrieg und schwerer Verwundung seit 1917 in Kiel und später in Hamburg und Heidelberg Volkswirtschaft und Jura studiert und nach juristischer Staatsprüfung und Promotion nach 1920 als Mitarbeiter der Deutschen Bank in Kopenhagen und für eine Firma in Buenos Aires tätig gewesen ist, gilt als der Mann, der bereits im Frühjahr 1943 den Plan konzipiert hatte, Hitler mit einer Sprengladung in der Wolfsschanze auszuschalten. Während Jessen durch einen schweren Autounfall seit März 1944 ans Krankenbett gefesselt war, kamen Claus Schenk Graf von Stauffenberg und weitere Hauptakteure noch am Vorabend des 20. Juli 1944 zu Jessen, um die Attentatspläne nochmals mit ihm durchzusprechen.

Jens Jessen, der als Angehöriger der Frontgeneration des 1. Weltkriegs wohl eher Gegner der Weimarer Republik gewesen ist und auch der auf Grenzrevision drängenden deutschen Volksgruppe verbunden war, - er lieferte in den 1920er Jahren u. a. wirtschaftswissenschaftliche Artikel an die deutsch-nordschleswigsche Presse - fand 1939 Aufnahme in der konservativen Mittwochsgesellschaft so Kontakt zur Widerstandsgruppe um General Ludwig Beck und Ulrich von Hassell sowie mit dem Kreisauer Kreis.

Stauffenberg hatte er im Jahre 1942 kennengelernt. Seit 1941 war Jens Jessen als Hauptmann der Reserve als Abteilungsleiter im Stab des Generalquartiermeisters des Heeres, Eduard Wagner, im Einsatz. Er leitete dort im Passamt die Passierscheinhauptstelle, womit er den Widerstandsleuten Reisemöglichkeiten verschaffen konnte und als Kontaktmann zwischen den Verschwörern agieren konnte.

Jens Jessen, der nach der Habitilation 1927 seine Universitätslaufbahn als Privatdozent und später außerordentlicher Professor in Göttingen begonnen hatte, war zu Beginn der 1930er Jahre mit der NSDAP in Verbindung gekommen und engagierte sich für deren wirtschaftspolitische Ausrichtung. Allerdings kollidierte er bereits 1934 kurz nach seinem Wechsel nach Kiel mit den dortigen NS-Größen.

Jens Jessens 1925 geborener Sohn Uwe berichtete in einem Interview, dass sein Vater erlebt hatte, dass Parteiorgane und Geheime Staatspolizei außerhalb der eigenen Gesetze handelten.

Nach einer Art Strafversetzung nach Marburg 1934 und ein Jahr später an die Wirtschaftsfachschule in Berlin, wechselte Jessen 1936 als Professor an die Universität Berlin.

In seiner Würdigung Jens Jessens aus dem Jahre 1979 in der Zeitschrift Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft schreibt Günther Schmölders, dass die vielen fachlichen Beiträge aus der Feder Jessens, die während der NS-Zeit in Zeitschriften und Büchern erschienen sind, „mit den Augen von damals“ zu lesen seien. Trotz Konzessionen im Vokabular entsprechend dem Zeitgeist der Nazizeit, so Schmölders, zeichnen sich die Publikationen Jessens durch fachliche Positionen aus, die sich deutlich gegen die vorherrschenden opportunistischen Veröffentlichungen absetzen. Jessen zeigte neben „zähem passivem Widerstand“ auch Kritik an NS-Wirtschaftsdoktrin und stellte sich dem NSDAP-hörigen Dozentenbund entgegen. Bezeichnend war, dass das Werk "Volk und Wirtschaft", zu dem Jessen maßgeblich Beiträge beigesteuert hatte, in Konflikt mit der NS-Zensur geriet und aus dem Handel genommen werden musste.

Im Tagebuch Ulrich von Hassells, eines der Mitverschwörer Jens Jessens, der im September 1944 hingerichtet worden ist, finden sich deutliche Hinweise, wie verzweifelt Jessen über den vom Hitlerregime fanatisch betriebenen, drohenden Untergang Deutschlands gewesen ist - und das er zusammen mit den Verschwörern des 20. Juli bereit war, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um Hitler auszuschalten. "Es wäre in der Theorie so einfach, diesen Verbrecher zu beseitigen", wird Jessen, der unter den Verschwörern das Pseudonym Nordmann erhalten hatte, in einer Eintragung vom 20. April 1943 zitiert. Und Jessen wird auch der im Tagebuch festgehaltene Vorschlag zugeordnet, wie Hitler trotz intensiver Sicherung durch das Umfeld in seinem Hauptquartier getötet werden könnte: "Der vortragende Offizier bringt eine Mappe mit herein, die Sprengladung enthält, legt die Mappe auf den Schreibtisch von Hitler, lässt sich zu einem verabredeten Telefonanruf herausholen, und Hitler ist beseitigt!"

In einem Interview mit der "Berliner Zeitung" berichtete Jens Jessens Sohn Uwe 2004, dass er 1944 seinen Vater emotional aufgeladen erlebt hatte, der keine moralischen Bedenken hatte, Hitler umzubringen. Er habe auch Kenntnisse von den ungeheurlichen Verbrechen der Nazis gehabt.

Von den Verschwörern des 20. Juli 1944, das Attentat hatte er vom Krankenlager aus miterlebt, wurde Jens Jessen als letzter am 11. Oktober verhaftet, vermutlich hatten gefolterte Gefangene seinen Namen preisgegeben. Er wurde am 7. November 1944 vom Volksgerichtshof unter Leitung Roland Freislers wegen "Nichtanzeige eines hochverräterischen Unternehmens" zum Tode verurteilt und am 30. November 1944 in Berlin-Plötzensee erhängt.

Nach dem Tod ihres Mannes fand die Witwe Jessens mit ihren Kindern vorübergehend in Tondern und anschließend in Flensburg bei Angehörigen Aufnahme, bevor die Familie nach Berlin zurückkehrte.

Typisch für die Situation im westlichen Nachkriegsdeutschland war, dass die Witwe Jessens Probleme hatte, eine Pension zu erhalten, waren Professor Jessen samt Familie doch wegen der Verurteilung durch die NS-Justiz jegliche Ansprüche aus dem Beamterecht verloren gegangen. Es vergingen noch Jahre, bis die Verdienste der Verschwörer des 20. Juli 1944 eine angemessene Würdigung in der Bundesrepublik Deutschland erfuhren.

Auch in Nordschleswig tat man sich lange schwer, Jens Jessens Verdienste als „aufrechter Deutscher zu begreifen. Man hatte - so wird erzählt - während des Krieges in Nordschleswig nichts von den Mahnungen aus dem Munde des gelehrten Hitler-Kritikers hören wollen, dessen Schicksal 50 Jahre nach dem Anschlag tiefen Eindruck beim früheren Widerstandskämpfer Werner Nørgaard hinterlassen hatte.


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